Theodor Storm – Du hast sie, Herr, in meine Hand gegeben

Theodor Storm – Du hast sie, Herr, in meine Hand gegeben

Du hast sie, Herr, in meine Hand gegeben

Ich betete:
Du hast sie, Herr, in meine Hand gegeben,
Dies treue Herz an meine Brust gelegt,
Du hast ihr friedlich, kindlich heiteres Leben
Durch meines Lebens trüben Ernst bewegt.
Drum wolle, Herr, so viel des Glückes geben,
Daß nicht zu sehr die Sorge Raum gewinnt,
Daß der Geliebten anspruchsloses Leben
An meinem Herzen friedlich still verrinnt.

Der Herr sprach:
Ich wandle meiner Weisheit ew’ge Wege,
Von mir beschrieben ist jedwede Bahn;
Wie du gebeten, kann’s erfüllt nicht werden,
Doch wie’s erfüllt wird, ist es wohlgetan!

Du sollst verwehen wie die Spreu im Winde,
Und sie soll weinen, lang in bitterm Schmerz.
Doch auch verrinnen sollen diese Tränen,
In mild Vergessen tauchen sie ihr Herz.

Und wenn sie dann das matte Haupt erhebet,
Soll sie erblicken sanften Sonnenschein;
Zwei helle Augen will ich ihr entzünden
Und neuer Liebe herzlichen Verein. -

Wie du gebeten, kann’s erfüllt nicht werden,
Doch wie’s erfüllt wird, ist es wohlgetan.
Drum sorge nicht! Wenn lange du verschollen,
Bricht ihres Glückes später Morgen an.

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