Theodor Storm – Junges Leid

Theodor Storm – Junges Leid

Junges Leid

Und blieb dein Aug denn immer ohne Tränen?
Ergriff dich denn im kerzenhellen Saal,
Hinschleichend in des Tanzes Zaubertönen,
Niemals ein dunkler Schauer meiner Qual?

O fühltest du’s! Nicht länger kann ich’s tragen;
Du weißt, das ganze Leben bist du mir,
Die Seligkeit von allen künft’gen Tagen
Und meiner Jugend Zauber ruht auf dir.

In meiner Liebe bist du auferzogen;
Du bist mein Kind – ich habe dich geliebt,
Als fessellos noch deine Locken flogen,
Als deine Schönheit noch kein Aug getrübt.
Ob du dich nimmer nach dem Freunde sehntest,
Der abends dir die schönen Lieder sang,
Indes du stumm an seiner Schulter lehntest,
Andächtig lauschend in den vollen Klang?

O fühl es nimmer, wie Vergangnes quäle!
Doch wirst du’s fühlen; weiß ich’s doch gewiß
An jedem Funken deiner, meiner Seele,
Gott gab dich mir, als er dich werden hieß.

O kehr zurück, und wandle, was vergangen,
In dunkle Schmerzen der Erinnerung!
Noch blüht dein Mund, noch glühen deine Wangen,
Noch ist mein Herz wie deines stark und jung.

 

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