Theodor Storm – Vier Zeilen

Theodor Storm – Vier Zeilen

Vier Zeilen

Leb wohl, du süße kleine Fee!
Ach, eh ich dich nun wiederseh,
Wieviel Paar Handschuh sind verbraucht,
Und wieviel Eau de Cologne verraucht!

Und wenn ich von dir, du süße Gestalt,
In ewiger Ferne bliebe,
Du bliebest mir nah, wie im Busen das Herz,
Wie im Herzen die klopfende Liebe!

Jetzt steht du und spielst mit dem Herzchen am Hals,
Rücksinnend vergangene Tage;
Aufleuchtend über dein Antlitz geht
Eine heimlich lächelnde Frage.

Entsündige mich! Ich bin voll Schuld,
Doch du bist rein, wie Engel sind;
Zu deinen Füßen sink ich hin,
Du lieblich jungfräuliches Kind!

Wer die Liebste sein verloren
Und die Liebe nicht zugleich,
Sucht umsonst an allen Toren
Sein verschwundnes Himmelreich.

Wolken am hohen Himmel,
Im Herzen ein tiefer Gram!
Die Sonne ist gegangen,
Noch eh der Abend kam.

Und wie du meine Lieder
In diesem Buch sollst finden?
Folg nur dem roten Faden,
Der wird sie dir verkünden.

Und so laßt von dieser Stund
Denn das alte Lieben,
lst euch Herz und Hand und Mund
Übrig doch geblieben!

Die Judith konntest du so prächtig
Um ihre alte Keuschheit prellen,
Und wußtest mit der Genoveva
So platterdings nichts aufzustellen.

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